Freitag, 7. September 2012

Sumangali

Bei meiner www-Suche nach Stoffen für indische Kleidung stieß ich auf einen Begriff, der mir zunächst überhaupt nichts sagte: SUMANGALI. Ich recherchierte ein Weichen - und war sprachlos, ungläubig, erschüttert...

Sumangali heißt soviel wie "glückliche Braut". Junge Mädchen zwischen 14 und 19 Jahren gehen für 3 Jahre in eine Fabrik, arbeiten dort, werden gut ernährt und können sich genug Geld für Aussteuer und Hochzeit verdienen. Soweit die Theorie. Die Praxis in Indien ist allerdings mehr als erschütternd. Defacto leben sie in Sklaverei, erhalten keine sozialen Leistungen, keinen Mindestlohn, erfahren Nötigung, Gewalt, werden um ihren geringen Lohn geprellt, empfinden tiefste Verzweiflung und gehen sogar bis zum Selbstmord. Um Himmels willen, was tun wir westlichen Menschen nur...!
Hier habe ich einige Webadressen gefunden, bei Interesse bitte lesen bzw. die Dokumentation ansehen.
Nach der Lektüre dieser Artikel sehe ich die Stoffe, die ich gern verwende - und natürlich auch mit Blick auf den Preis aussuche - mit völlig anderen Augen. Machen wir normalen Menschen uns an diesen gräßlichen und unhaltbaren Zuständen durch unser Kaufverhalten mitschuldig?

http://www.einslive.de/medien/html/1live/2012/06/21/monitor-kleiderindustrie-indien.xml
Film: Billigmode und Selbstmorde in Indien - Verdammt hoher Preis
Mode soll billig sein - das wollen die Verbraucher, das verlangen die Modefirmen und deshalb wird die Spirale der Ausbeutung von jungen Frauen, die in indischen Nähereien arbeiten, immer weiter gedreht. Für einige von ihnen ist das so unerträglich, dass sie ihrem Leben selbst ein Ende setzen.    (Text von da)
http://weblog.bio-natur.at/2012/04/04/das-sumangali-prinzip-textile-leichentucher-made-in-india/
Minderjährige Sklavinnen im Dienste unserer modischen Eitelkeiten
Auch wenn ich erst vor wenigen Tagen unter “Citius, altius, fortius oder Nike, Puma, Adidas”  (http://weblog.bio-natur.at/2012/03/29/citius-altius-fortius-oder-nike-puma-adidas/)  über den olympischen Geist, der mehr und mehr unter dem Motto “The profits must go on” steht, geschrieben habe, sollte uns alle das folgende Thema mit aller Deutlichkeit vor Augen führen, weshalb die Modebranche und Firmen wie Tom Tailor, Zara, H&M oder C&A zu großen Teilen eine soziale Verantwortung tragen, derer sie jedoch in keinster Weise nachkommen, sondern durch Schweigen, Wegschauen und Handlungsunwilligkeit ein System unterstützen, welches in dieser Form menschenverachtender Knebelung namens Sumangali wohl selten zu finden ist.    
(Text von da, Rechtschreibung modifiziert)
http://www.tdh.de/home/meldungen/maedchen-in-textilindustrie-in-tirupur/hintergrund.html
Kurzinformatione - Kurzinformationen Sumangali Programm
Der Bericht „Captured by Cotton“ wurde vom India Committee of the Netherlands (ICN)
und dem Centre for Research on Multinational Corporations (SOMO) geschrieben.
Der Bericht basiert auf Online-Recherchen und auf Feldrecherchen. Die Feldrecherchen
wurden vom Mai-Dezember 2010 von der Campaign Against Sumangali Scheme (CASS)
durchgeführt und im April 2011 mit 102 Interviews mit früheren Sumangali-Arbeiterinnen ergänzt.
SOMO hat im August 2010 einen Feldbesuch durchgeführt, ICN im März 2011. ICN ist Teil
der Clean Clothes Campaign in den Niederlanden. (Text von da)
Wir als Kundinnen der Textilketten, wir Selbermacherinnen der DIY-Szene, wir Frauen als Kindersachenkäuferinnen haben es in der Hand, diesen Zuständen ein Ende zu bereiten.
Durch unser Kaufverhalten haben auch wir diese Zustände teilweise mit zu verantworten. Leider. Dem sollten wir ins Auge sehen und daran mitwirken, daß es für niemanden mehr attraktiv ist, diese Zustände weiterhin aufrechtzuerhalten.
Dazu gehört natürlich auch, sich von lieb gewordenen Gewohnheiten zu verabschieden - dem Shirt für 6 € beispielsweise, der Jacke für 14,99 €, den Jeans im Doppelpack für noch nicht einmal 20 €. Oder generell keine Stoffe mehr zu kaufen, die pro Meter weniger als 6 € kosten... (das ging an meine Adresse :-)  )

O Gott, ich kriege auch gleich Zustände, so oft habe ich das Wort verwendet, ohne daß mir ein geeigneter Ersatz eingefallen ist. SPRACHLOS, hilflos, das ist es, was ich fühle.   Sathiya

Kommentare:

  1. Ich halte es für absolut illusorisch, dass wir allein mit unserem Kaufverhalten etwas an diesen Zuständen ändern können. Obwohl wir mit unserem Kaufverhalten kollektiv zu der Misere beitragen. Warum?

    1) Mehr und mehr Menschen auch bei uns sind gezwungen, billigst einzukaufen, weil sie selbst nur wenig verdienen und kaum über die Runden kommen. Darunter sind zunehmend gut bis sehr gut ausgebildete Leute aus der Mittelschicht, zusätzlich zu denen, die immer schon wenig hatten. Da geht es nicht um einen Tausch Qualität gegen Menge, sondern darum, wann es für die dringend benötigten Klamotten reicht. Durch das Anwachsen dieser Konsumentenschicht steigt der Druck auf die Hersteller, billiger zu produzieren, ohne Rücksicht auf Verluste.
    Kleine Randbemerkung: m.E. ist die "Geiz ist Geil"-Mentalität nicht aus sportlichem Ehrgeiz entstanden, sondern die Werbung hat mit diesem marketingtechnisch clever gewählten Spruch eine Grundstimmung be- und verstärkt, die in einer Rezession entstanden ist und sich durch permanente Lohnstagnation verfestigt hat.

    2) Natürlich gibt es immer noch sehr viele Leute, die komfortabel genug leben, dass sie durchaus eine Wahl haben. Und viele von denen wären auch bereit, etwas mehr zu bezahlen, wenn die Ware ohne Ausbeutung produziert würde. Erstaunlicherweise wäre der Aufpreis gar nicht so hoch. Man hat errechnet, dass ein Hemd, das normalerweise in USA für 20$ (VK) verkauft wird, nur 1$ (in Worten: einen) mehr kosten würde, wenn die Näherinnen in Mexiko (oder einem anderen mittelamerikanischen Land) so gut bezahlt würden, dass sie - bei anständigen Arbeitsbedingungen! - davon ihre Familie gut ernähren könnten. Das Preisverhältnis zeigt, dass die Krux nicht die tatsächlichen Herstellungskosten sind, sondern der Unterbietungswettbewerb der Produzenten als solcher, bis an die Grenze des Möglichen.

    3) Preisgünstig einkaufen ist per se nichts Schlechtes, ganz im Gegenteil. Es ist rational, von 2 Produkten, die ansonsten gleich oder bei austauschbaren Eigenschaften gleichwertig sind, das billigere zu kaufen. Das Problem ist, dass man oftmals nicht weiß, was "drin" ist, sei es hinsichtlich der Materialeigenschaften, der Verarbeitung oder der Herstellungsbedingungen. Und die Anbieter unternehmen eine Menge, das zu verschleiern. Wenn ich aber keine Chance habe herauszufinden, welche Nachteile ein Produkt möglicherweise hat und ob sie für mich akzeptabel sind oder nicht, warum sollte ich dann nicht alle in einen Topf werfen und einfach nach dem Preis entscheiden? Zumal die schlichte Formel teuer gleich hochwertig und umgekehrt schon lange nicht mehr stimmt. Zu viele Dinge, die der Qualität nicht abträglich sein müssen, können den Preis mitbestimmen: Größenvorteile bei der Produktion, oft in Form stärkerer Automatisierung, Größenvorteile bei den Einkaufspreisen der Vorprodukte, also Nachfragermacht, besondere Vertriebswege (hier denke ich z.B. an Abverkäufe von Musterwaren und Produktionsüberhängen an spezialisierte Händler, die auch für hochwertige Ware nur einen sehr geringen Preis bezahlen und daher ungewöhnlich günstig verkaufen können, s. Maybachufer).

    Fazit: Wir können die Gesetze des Marktes nicht außer Kraft setzen. Es ist für den Konsumenten sinnvoll, seinen Nutzen zu maximieren und das beste Produkt zum günstigsten Preis zu suchen. Aber wir können den Wettbewerb begrenzen. Und wir müssen es. Dringend. Nur nicht mit moralischen Appellen, die müssen systembedingt verpuffen, sondern mit politischen Rahmenbedingungen. Und diese müssen wir als Gesellschaft verhandeln und das Ergebnis mit staatlicher Autorität durchsetzen. Auch international, in Form von bindenden Standards, anders geht es nicht. Obwohl es gerade international noch eine Weile dauern wird. Leider.

    Viele Grüße
    Ursula

    PS: Ich habe Deine Blogs aufgrund eines kritischen Kommentars gefunden, ein bisschen gestöbert und finde Deine nachdenklichen Beiträge sehr lesenswert.

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    1. Hallo Ursula,
      herzlichen Dank für Dein ausführliches Statement, das absolut lesenwert ist. Ich wünschte mir, mehr solche Reaktionen zu bekommen... und weniger rosarote Zustimmung oder eben Schweigen zu ernten.
      Ich würde Deinen Text gern in meinen anderen Blog Geschmacks-Sache verschieben und in voller Länge dort veröffentlichen. Das wäre mir wichtig. Darf ich?

      Liebe Grüße, Sathiya

      PS: Viele wollen auf einem Blog nichts Kritisches lesen, weil sie der Meinung sind, es gäbe noch die echten Weltprobleme, um die frau sich kümmern müsse. Aber davon, daß frau die Probleme rosarot umhäkelt oder bunt bestickt, verschwinden sie doch nicht - noch nicht einmal aus der Wahrnehmung (vielleicht aus der bewußten, das schon). Ich danke Dir für Deine ehrliche Meinungsäußerung. Es bedeutet mir sehr viel. Danke.
















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    2. Hallo Sathiya,

      also, wenn Ausbeutung und Armut keine echten Weltprobleme sind, dann weiß ich nicht.

      Ich kann verstehen, wenn Bloggerinnen ihren Blog thematisch eingrenzen und eben nur über Nähen oder Rezepte schreiben wollen. Umgekehrt finde ich es genauso legitim, wenn jemand über alles schreibt, was sie oder ihn interessiert, selbstverständlich auch über ernste Themen. Dass die (veröffentlichten) Interessen vieler "Mutti-Bloggerinnen" sich dann trotzdem wieder nur um DIY, Kinder, Katz und Hund, und Schnäppchen drehen, ist eine andere Sache.

      Zu den reinen DIY-Blogs fällt mir gerade ein, dass wir uns wahrscheinlich nicht schlecht wundern würden, wenn umgekehrt ein Politblogger (sind ja vorwiegend Männer) zwischendurch über das Nachttischchen berichtete, das er am Wochenende gebaut hat. Könnte es sein, dass Frauen tendenziell eher das Problematische ausgrenzen und Männer das Nette? Wobei es selbstverständlich auch nähende Männer und polit-aktive Frauen gibt ...

      Zu Deiner Frage: natürlich darfst Du, gerne sogar.

      Viele Grüße
      Ursula

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    3. siehe hier: http://geschmacks-sache.blogspot.de/2012/10/sumangali-2-meinungen.html
      Ich würde gern auf Deine Anregungen antworten, aber ich fürchte, das wird mein Kommentarfeld sprengen, weil es viel ist, das ich dazu sagen möchte. Deswegen: herzliche Einladung, auf Geschmacks-Sache mitzulesen! Ich werde dazu noch in den nächsten Tagen Stellung nehmen. Hast Du eigentlich einen Blog? Ich habe nur die Website gefunden bzw. die Bernina-Seite. Schöne Textilarbeiten, mein Kompliment!
      Lg, Sathiya

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